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Hintergrundwissen
Das Ende der Welt, wie wir sie kennen …

Das Ende der Welt, wie wir sie kennen …

… heißt es im Refrain des gleichnamigen Titel „It’s the end of the world as we know it“ von R.E.M. und der Sänger Michael Stipe fügt dem ein „and I feel fine“ hinzu. Wenn ich die Gelegenheit habe Gitarre bei einer Lesung zu spielen, leite ich sie mit diesem Lied ein, weil es mir einmal die Aufregung nimmt (als Musiker bin ich mit Publikum routinierter), es eine hohe Geschwindigkeit hat, so dass zunächst weniger auffällt, dass ich dazu neige zu schnell zu sprechen (und vorzulesen) und weil es die ernüchternde Erkenntnis aus der Beschäftigung mit dem Thema Stromausfall und Blackout ist.

Romantisierend erinnern sich viele an einen Stromausfall, bei dem man mit Kerzenlicht zusammen im Wohnzimmer saß und jemand mit der Taschenlampe zum Sicherungskasten ging. Aber bei einem Blackout geht es nicht darum, dass mal eben ein paar Minuten oder Stunden der Strom weg ist. Es geht dabei um mehrere Tage und vor allem nicht nur um den eigenen Straßenzug, sondern die eigene Region, vielleicht sogar das ganze Land oder der ganze Kontinent.

Beleuchtete Autobahn (Bildquelle: Pixabay)

Als ich Mitte der Neunziger ein halbes Jahr in Belgien gelebt habe und des Nachts auf der (beleuchteten) Autobahn zwischen Vervies und Lüttich fuhr, ging mir die Frage durch den Kopf, wie wir wohl ohne Strom zurechtkommen würden. Nachdem ich das einige Male mit verschiedenen Leuten durchgesponnen habe, kam irgendwann die Idee einen Roman aus der Frage zu machen und aus den Spinnereien wurde Recherche. Das ich nicht der Erste war, der das Thema aufgegriffen hatte, hatte mich dann etwas demotiviert, irgendwann habe ich mein Buch aber vollendet und veröffentlicht.

Die Recherche war ernüchternd und eine unscheinbare Studie des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag mit dem Titel „Was bei einem Blackout geschieht“ war augenöffnend und erschreckend zugleich. Am Beispiel verschiedener Bereiche wurde untersucht, wie sich ein langandauernder und großflächiger Stromausfall auf die Gesellschaft und Kritische Infrastruktur wirkt. Mindestens genauso erschreckend wie der Bericht selbst ist die Tatsache, dass unsere Abhängigkeit vom Strom seit der Veröffentlichung der Studie 2011 noch größer wurde und die Anfälligkeit der Stromnetze noch größer.

Wodurch die Stromversorgung bedroht ist.

Unser Problem ist, dass Strom zu dem Zeitpunkt erzeugt werden muss, wenn er verbraucht wird. Das ist eine riesige Herausforderung für die Stromversorger und Netzbetreiber, denn es muss ständig reguliert werden. Dazu werden Kraftwerke hoch- bzw. heruntergefahren, damit die Industrieanlage auch genügend Strom erhält oder andere Spitzen abgedeckt werden. Aber auch zuviel Strom kann man nicht einfach in die Netze geben. Das europäische Verbundnetz läuft mit einer Frequenz von 50 Hz, der Toleranzbereich liegt zwischen 49,8 und 50,2 Hz. Fällt sie darunter oder steigt sie darüber, gibt es verschiedene Maßnahmen zum Gegensteuern (Lastabwurf, Einspeisung reduzieren). Passiert das nicht schnell genug, droht der Ausfall des Verbundnetzes. Die aktuelle Frequenz kann man bei netzfrequenz.info einsehen.

Aktuell wird oft Angst vor einem Blackout gemacht, dessen Ursache die Energiewende und Erneuerbare Energien (da diese wetterabhängig sind) seien. Tatsächlich entsteht mit dem Abschalten der AKWs und Kohlekraftwerke eine Versorungslücke, die aktuell nicht gedeckt werden kann, da es in Deutschland zu wenig Speicherkraftwerke gibt.

Windräder (Bildquelle: Pixabay)

Texas ist vor wenigen Monaten knapp an einem Blackout vorbeigerauscht, das Problem waren fehlende Investitionen in die Kraftwerksmodernisierung.

Die Infrastruktur selbst ist anfällig: beim Münserländer Schneechaos sind Überlandleitungen unter der Last von Schnee und Eis zusammengebrochen, in der Folge waren knapp 250.000 Menschen zeitweise ohne Strom. Auch Anschläge auf die Stromnetze sind eine akute Gefahr: Vermutlich war es ein Anschlag, der einen Kabelbrand verursacht hatte und 20.000 Menschen in München bis zu 1,5 Tage von der Stromversorgung abgeschnitten hat.

Unwetter der verschiedensten Art können zu einem Ausfall führen: Bei der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal ist für 100.000 Menschen die Stromversorgung (und in der Folge die Telekommunikation und Trinkwasserversorgung) zusammengebrochen.

In einigen Stromausfall-Romanen führt ein EMP (Elektromagnetischer Impuls) zu einem Stromausfall. Meistens im Zusammenhang mit eine Nuklearwaffenexplosion, es gibt aber auch andere, natürliche, Quellen. Eine (kurzzeitige) elektromagnetische Strahlung kann dabei in elektrischen Bauteilen Ströme induzieren, die diese beschädigen oder gar zerstören können.

Sonnensturm (Bildquelle: Pixabay)

Ein Sonderfall des EMP ist der Magnetische Sturm, ausgelöst durch einen Koronalen Masseauswurf in Folge einer Sonneneruption. Vereinfacht ausgedrückt wird durch die Schockwelle des Sonnenwindes das Magnetfeld der Erde abgeschwächt. In der Folge kann es in Überlandleitungen zu gewaltigen Strömen kommen, die zum Ausfall von Trafos in Umspannwerken oder gar deren Zerstörung führen könnten. 1859 kam es zum sogenannten Carrington-Ereigbnis, bei dem Polarlichter bis nach Kuba zu sehen waren und in Nordamerika in Telegrafenleitungen so hohe Spannungen erzeugt wurden, dass es in den Telegrafenstationen zu Funkenschlag kam. Ein ähnliches Ereignis würde uns heute in eine vorindustrielle Zeit zurück katapultieren.

Warum wir auf einen Blackout nicht eingestellt sind

Über siebzig Jahre Stabilität gibt uns ein Gefühl von trügerischer Sicherheit. Wir sind es einersetis gewohnt, dass Strom verfügbar ist, anderseits sind wir uns nicht bewusst, was davon alles abhängt:

  • Telekommunikation: Bis vor wenigen Jahren überwogen analoge Telefonanschlüsse, die eine eigene Stromversorgung hatten. Heute überwiegen VoiP-Anschlüße. Aber auch der Mobilfunk ist keine sichere Alternative, selbst wenn das Handy noch einen vollen Akku hat, die Mobilfunkzelle hat meistens keine Notstromversorgung. Hier mag man schnell mit „früher ging das auch …“ entgegenhalten, verschließt dann aber die Augen davor, dass sich die Art und Weise wie wir leben (und kommunizieren) stark verändert hat.
  • Wasserver- und -entsorgung: Auch wenn es hier oft Notstromversorgung gibt, muss diese nach kurzer Zeit mit Treibstoff versorgt werden. Der gewohnt Luxus einfach den Wasserhahn aufzudrehen ist dann nicht mehr möglich.
  • Einkaufen (und Bezahlen): „Früher“ waren die Artikel in einem Supermarkt noch mit Klebeschildchen ausgezeichnet. Mittlerweile sind auch die Preisschilder an den Regalen elektronisch. Damit nicht genug, ohne Scanner kann nicht zusammengerechnet werden und bargeldloses Bezahlen funktioniert auch nicht mehr. Selbst wer Bargeld hat muss vor der elektronisch verriegelten Kasse kapitulieren.
  • Tanken: 2012 gab es in Deutschland 16 Tankstellen, die eine Notstromversorgung hatten und einige weitere, deren Tanks so hoch liegen, dass mit Schwerkraft betankt werden könnte. Auch hier scheitert es am Bezahlen.

Von einem auf den anderen Moment müsste man mit dem zurechtkommen, was der eigene Vorrat bietet. In Deutschland haben die Haushalte im Schnitt Nahrung (und Getränke) für fünf Tage. Auf dem Land tendenziell mehr, in der Stadt sogar weniger. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt eine Bevorratung für mindestens 10 Tage! Der Staat geht davon aus, dass sich jeder Bürger so lange selbst über Wasser halten kann, um die Zeit, bis Hilfe eintrifft, überbrücken zu können. Ende September veröffentlicht das BBK das Buch „Kochen ohne Strom“.

Gefiltertes Wasser: Katastrophenvorsorge (Bildquelle: Pixabay)

Erste Kommunen arbeiten an der Resilienz für die ersten Tage einer Katastrophe. Für kleinere Orte ist dies sicherlich einfacher als für eine Großstadt, aber hier gilt: Je mehr sich darauf vorbereiten, desto besser werden wir alle damit zurechtkommen.

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